Führungsbunker · Relikte des Kalten Krieges

Inhalt

1. Honeckers geheimer Atombunker am Bogensee

2. Deutschlands geheimer Superbunker im Ahrtal


1. Honeckers geheimer Atombunker am Bogensee

Im Bauch des Kalten Krieges

Inmitten von Seen und Waldgebieten nördlich von Berlin, zwischen dem Dorf Prenden und dem Bogensee, unweit der Autobahnabfahrt Lanke, liegt ein Refugium der etwas anderen Art. Unter mehr als 84.000 Tonnen Beton hätte hier vor 1989 SED-Chef Erich Honecker mit seinen engsten Getreuen im Krisenfall Zuflucht gesucht, wenn sich der Kalte Krieg zur atomaren Krise entwickelt hätte - unter fünf Metern Erdreich und weiteren vier Metern doppelt ausgeführter Betondecken in bis zu 24 Metern Tiefe.

Als rettender Fluchtpunkt bei einem Atomangriff sollte die Anlage mit der Tarnbezeichnung Objekt 17/5001, 30 Kilometer Luftlinie vom ehemaligen Regierungszentrum der DDR in Berlin gelegen, dem obersten Entscheidungsgremium der DDR im Kriegsfall dienen: den Mitgliedern des Nationalen Verteidigungsrates NVR. 14 Tage hätten die SED-Funktionäre in ihrem atombombensicheren Ausweichquartier maximal ausharren können - dann hätten sie, angetan mit Schutzkleidung und Atemmasken, den Bunker verlassen müssen. Mit gepanzerten Spezialfahrzeugen aus dem nahegelegenen Garagenkomplex wären sie durch die atomare Wüste zum nächsten Flugplatz gefahren, um in Richtung Sowjetunion ausgeflogen zu werden.

Luftansicht » links BOGENSEE · rechts STREHLENSEE · Mitte Objekt 17/5001 · rechter Rand BAB LANKE
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Heute existieren aus der Zeit des Kalten Krieges nur noch wenige Relikte, die an die Vorbereitungen auf den nuklearen Ernstfall mit all ihren extremen Auswüchsen erinnern - dieses Bauwerk ist sicherlich eines der bedeutendsten Denkmäler aus dieser Zeit. Friedlich ruhen die Reste des ehemaligen Kasernengeländes im Wald, die Postenwege sind nur noch vage in der Natur zu erkennen und der Zugangstunnel, der von einem gut 200 Meter entfernten Gebäude den verdeckten Zutritt zum Bunker ermöglichte, verläuft unsichtbar unter idyllischer Landschaft. Besser getarnt als heute war das damals hochgeheime Gelände vielleicht nie.

Wie dekontaminiert worden wäre

Der Bunker, ab 1978 in fünf Jahren Bauzeit fertiggestellt, gilt als das technisch beste Schutzbauwerk auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Hier war ab 1983 bis zum Mauerfall die "Ausweichführungsstelle" AFüSt des NVR rund um die Uhr mit einer Minimal-Mannschaft besetzt und wäre innerhalb kürzester Zeit voll einsatzfähig gewesen. Außer den knapp 20 NVR-Mitgliedern wären nur noch deren engste Mitarbeiter in den Bunker gezogen, dazu Spezialisten für Nachrichtenübermittlung und Chiffrierung sowie technisches Personal zum Betrieb des Bauwerks. Rund 400 Personen hätten darin 14 Tage lang völlig autark überleben können.

Das Vorgehen im Ernstfall war detailliert geplant. Die Besatzung wäre vor dem Atomschlag des Gegners schnellstmöglich in den Bunker gebracht worden. Für den Fall, dass dies nicht gelang und Schutzsuchende radioaktiver Strahlung ausgesetzt wurden, war im Bunker eine aufwendige Anlage zur Dekontamination installiert. Sie besteht aus zwei unabhängigen Einschleusungsbereichen mit anschließenden Bereichen zur Entgiftung. Um in das schützende Bauwerk zu kommen, musste zuerst Druckschleusen passiert werden, die den Überdruck im Inneren aufrechthielt. Der ständige Überdruck hätte gewährleistet, dass im Falle eines Lecks keine chemischen oder biologischen Kampfstoffe ins Innere vorgedrungen wären. Die jeweils ersten Türen der Druckschleusen sind mehrere Tonnen schwere Drucktüren, welche auch der Druckwelle einer Kernwaffe standgehalten hätten.

Nach der Einschleusung wäre die Dekontamination betroffener Personen erfolgt. Nur die wichtigsten Dokumente und Gegenstände sollten in speziellen Vorrichtungen entseucht werden. Alles andere - auch die gesamte Bekleidung - wäre in Sammelbehältern gelandet. Dann wäre eine der beiden chemischen Duschen für eine intensiv Reinigung genutzt worden. Tests und Messungen hätten anschließend den Erfolg der Entgiftung überprüft. Erst dann wäre man durch zwei kleine Kammern, die eigentliche Luftschleuse des Bunkers, in das Innere des Bauwerks gelangt.

Die Wucht eines direkten Treffers

Um 400 Personen und der benötigten Technik Platz bieten zu können, wurde der Bunker auf einer 2,40 Meter dicken Bodenplatte von 66,3 Metern Länge und 48,9 Metern Breite errichtet. Von unten nach oben besteht der Bunker aus drei Stockwerken mit 4,8 Metern, 4,2 Metern beziehungsweise 3,9 Metern lichter Höhe, Zwischendecken von je 60 Zentimetern Stärke und einer 75 Zentimeter dicken Gebäudedecke. Darüber befindet sich ein knapp zwei Meter hoher, zu einem Drittel mit Sand gefüllter Zwischenraum, auf dem die sogenannte Zerschellschicht des Bunkers ruht. Sie ist bis zu 3,3 Meter stark und ragt an allen Seiten bis zu 20 Meter über die 1,65 Meter starken Außenwände hinaus.

Feindliche Raketen konnten so nur in einem relativ großen Abstand zu den Außenwänden detonieren und diese nicht ernsthaft beschädigen. Wäre die Zerschellschicht durch einen direkten Treffer gebrochen, hätte die Sandschicht darunter die Bruchstücke aufgefangen und die Gebäudedecke geschützt. Um die Wucht eines direkten Treffers abzufangen, sind über die Grundfläche des Bunkers vier Reihen mit je zehn massiven Stahlbetonsäulen von 2,4 mal 3,0 Meter Seitenlänge verteilt, zwischen denen der maximale Abstand 7,2 Meter beträgt. Sämtliche Einrichtungen wurden mit einem Mindestabstand von 40 Zentimetern um diese Säulen herumgebaut.

Die Kontrukteure gingen davon aus, dass auch eine Atomwaffe mit einem Vielfachen der Sprengkraft der Hiroshima-Bombe das Bauwerk nicht zerstört hätte - selbst wenn sie nicht weiter als 500 Meter vom Bunker entfernt detoniert wäre. Allerdings wäre der Bunker als Ganzes im Erdreich extremen Beschleunigungen ausgesetzt gewesen und hätte sich bis zu 40 Zentimeter verschoben. Aus diesem Grund wurden viele sensible Geräte auf federnd aufgehängten, frei schwingenden Plattformen montiert, um sie gegen Gebäudebewegungen zu schützen. Das größte dieser Tragwerke ist mehr als 500 Tonnen schwer - dies ohne Inhalt, die Abmessungen sind ca. 25 x 25 x 4 Meter. Es erstreckt sich über zwei Stockwerke und wurde wie alle Tragwerke mit zentimeterdicken Stahlseilen und Stickstoffdämpfern an der Decke aufgehängt. So kann es eventuelle Bewegungen des Bunkers durch Waffeneinwirkung ausgleichen. Die Personen und Maschinen im Innern werden somit effektiv geschützt. Diese Technologie ist einzigartig und wurde so nur in diesem Bauwerk gefunden. Zu Details eines Tragwerkes siehe die unten stehenden Abbildungen 1 & 2.

Abschotten in Sekundenbruchteilen

In einem dieser Container, im dritten Untergeschoss gelegen, befindet sich der Kontrollraum des Bunkers. Der sogenannte Dispatcher beherbergt Kontrolltafeln und Steuerpulte, mit denen die Versorgung mit Wasser, Strom und Luft im Bauwerk überwacht und geregelt werden konnte. Vor allem aber wurden hier die Betriebsweisen festgelegt. Normalerweise wurde der Bunker in der Betriebsweise 1 betrieben, bei der alle Zugangstüren verschlossen waren und im Innern des Gebäudes ein höherer Luftdruck als außen erzeugt wurde, um das Eindringen von Gasen oder Schadstoffen zu verhindern. Die angesaugte Außenluft wurde nur leicht gefiltert, die Versorgung mit Strom und Wasser erfolgte von außen. Im Krisenfall wäre der Bunker dann in die Betriebsweise 2 versetzt worden, bei der die Außenluft mit zwei hintereinander liegenden Filterbatterien aufwendig gesäubert wurde. Die Versorgung mit Wasser und Strom wäre so lange wie möglich von außen erfolgt.

Verschiedene Strahlungssensoren, Druckgeber und Messfühler im Außenbereich hätten im Falle eines Atomschlages oder des Einsatzes chemischer oder biologischer Waffen den Bunker in Sekundenbruchteilen in die Betriebsweise 3 versetzt. Sofort wäre jegliche Zufuhr von Außenluft abgebrochen worden. Nur die Generatoren der Netzersatzanlage wären weiter mit verseuchter Außenluft betrieben worden, da eine Filterung der benötigten Luftmengen nicht möglich gewesen wäre. Allerdings musste die nach einem Atomschlag bis zu 1200 Grad Celsius heiße Außenluft erst mit Hilfe eines sogenannten Massekühlers heruntergekühlt werden - 384 Stahlrohre von zusammen 2,7 Kilometer Länge, die, in zwei hintereinander liegende Betonblöcke eingegossen, die durchströmende Luft auf ein für die Generatoren erträgliches Maß abgekühlt hätten.

Das Wasser für die Bunkerbesatzung wäre in Betriebsweise 3 aus internen Speichertanks bezogen worden, der Wegfall des Stromnetzes durch fünf Dieselaggregate mit je 460 Kilowatt Leistung kompensiert worden. Für die kritische Phase zwischen Zusammenbruch der externen Stromversorgung und Erreichen der vollen Generatorenleistung stand ein batteriebetriebener Gleichstrommotor bereit, der seinerseits einen Wechselstromgenerator antrieb. Das DC-AC-Aggregat lief während des Betriebes rund um die Uhr im Leerlauf mit, um bei Netzausfall sofort die Stromversorgung zu übernehmen. Die Batteriepufferung hätte für rund fünf Minuten Energie geliefert, danach hätten die ständig vorgeheizten Dieselaggregate am Laufen sein müssen.

Leben ohne Frischluft

Frische Luft zum Atmen gab es in Betriebsweise 3 ebenfalls nicht mehr. Alle lufttechnischen Anlagen wären im Umluftbetrieb gefahren worden, bei dem das überschüssige Kohlendioxid im Bunker durch das Aufstellen von Luftregenerierungsgeräten gebunden worden wäre. Diese sogenannten RDUs hätten das Kohlendioxid in Sauerstoff umgewandelt - allerdings unter starker Wärmeentwicklung, die die Bunkerbesatzung zusätzlich ins Schwitzen gebracht hätte. Für den angesichts des atomaren Fallouts lebenswichtigen Überdruck im Bunker mussten jetzt fünf große Drucklufttanks sorgen. Die allerdings reichten nur für 36 Stunden - dann hätte die Besatzung von Betriebsweise 3 auf Betriebsweise 2 zurückschalten und wieder Außenluft ansaugen und filtern müssen.

Wasser und Strom hätten allerdings weiterhin aus internen Reserven kommen müssen. Sämtliche Vorräte im Bunker waren für 14 Tage ausgelegt, danach hätte der Schutzraum verlassen werden müssen. Die Planer gingen davon aus, dass die radioaktive Belastung der Außenwelt nach zwei Wochen soweit abgeklungen gewesen wäre, dass die Überlebenden den Bunker in Schutzkleidung hätten verlassen können.

Die meisten Einrichtungsgegenstände sind beim teilweisen Rückbau der Anlage 1993 entfernt worden, doch der Großteil der technischen Einrichtung ist noch vorhanden. Die Bundeswehr, die den Regierungsbunker von der NVA übernahm, fand für das Objekt 17/5001 keine sinnvolle Verwendung und entschied nach kurzer Betriebszeit, das Schutzbauwerk zu schließen und zu versiegeln. Nach neun Jahren Dornröschenschlaf wurde die Betonplombe durch Unbekannte illegal geöffnet, Abenteurer durchstöberten für einige Zeit den Komplex, auch Schrottdiebe und Vandalen fanden den Weg in den Bunker.

Ende 2003 schloss das Land Berlin einen Kooperationsvertrag mit dem Verein Berliner Bunker Netzwerk BBN e.V., der die Sicherung des Bauwerks übernahm und so den Bunker vor weiteren Zerstörungen bewahren konnte. Seit 2005 erstellt der BBN eine aufwendige Dokumentation des Komplexes mit moderner dreidimensionaler Panoramafotografie, die bis 2010 öffentlich zur Verfügung stehen soll. Doch als Museum lässt sich der Bunkerbau nicht wirtschaftlich betreiben - Ende 2008 wurde er darum wieder verschlossen und versiegelt.

Abb. 1 » Stossdämpfer für die Tragwerke im Objekt 17/5001     Abbildung Copyright WIKIPEDIA
Abb. 2 » Tragwerk 1 im Objekt 17/5001     Abbildung Copyright bunker5001.com
Abb. 3 » Zugangsgebäude zum Objekt 17/5001     Abbildung Copyright MDR

Auszugsweise und mit freundlicher Unterstützung: Bunker5001.com, Autor: Hannes Hensel

Link zum Stichwort Komplex 5000 auf »bunker5001.com«
Link zum Stichwort Komplex 5000 in »Wikipedia«

2. Deutschlands geheimer Superbunker im Ahrtal

17 Kilometer Tunnelsysteme, zwölf Jahre Bauzeit, fünf Milliarden Mark Kosten: Ein gigantischer Superbunker sollte Deutschlands politische Elite im Kalten Krieg vor einem Atomangriff schützen. Jetzt veröffentlichte Dokumente belegen: Die Anlage wäre im Krisenfall kollabiert.

Der Dritte Weltkrieg begann am Morgen des 17. Oktober 1966. Ab 8.30 Uhr flüchteten die Bundestagsabgeordneten und hochrangigen Ministerialbeamte aus den Bonner Ministerien in Busse, die sie im Viertelstundentakt in Sicherheit brachten. Ins 30 Kilometer entfernte Ahrweiler. Bundesregierung, Bundespräsident und 3000 Mitarbeiter suchten unter Weinbergen und Schiefergestein Schutz. Mindestens 30 Tage sollte das Überleben gesichert sein.

Luftansicht » Bad Neuenahr · Ahrweiler im Ahrtal mit Lages des Regierungsbunkers WEST
    Abbildung Copyright GoogleEarth

Die Tore zur Außenwelt schlossen sich um 11 Uhr. Mit dem Geräusch einer Hupe und dem Blinken einer roten Warnlampe entschieden vier 25 Tonnen schwere Stahltore binnen 15 Sekunden über Leben und Tod. Familienangehörige mussten im Ernstfall draußen bleiben.

Endspiel Atomkrieg

Fallex 66 hieß die Übung, die sich fortan alle zwei Jahre wiederholte. Für jeweils zwei Wochen spielten die Regierenden Atomkrieg. Bevor es in die Tiefe des Berges ging, musste ein Teil der aus Bonn herbeigeeilten Auserwählten den sogenannten Entgiftungstrakt passieren. Es wurde angenommen, dass bereits ein Drittel der Menschen verstrahlt wäre. 48 ABC-Entgiftungen pro Stunde können durchgeführt werden schreibt Jörg Diester in seinem Buch "Geheimakte Regierungsbunker". 25.000 Aktenseiten aus Archiven wertete er aus und lüftet den Schleier um die Geheimnisse des Regierungssitzes. Im Ernstfall waren die Kleider abzulegen, dann wurde geduscht. Diester hat recherchiert: "Badezusätze aus Ameisen-, Zitronen- und etwas Salzsäure sollten die radioaktiv verseuchte Haut reinigen."

Die insgesamt 83.000 Quadratmeter der Bunkeranlage unterteilten sich in fünf autarke Sektionen mit 936 Schlafzellen, 897 Büros, 25.000 Türen, fünf Großkantinen, fünf Kommandozentralen und Sanitätskomplexen. Eine Kleinstadt unter der Erde, mit eigener Feuerwehr, täglicher Reinigung und Bergrettungsdienst, einer ökumenischen Kirche, einem Fernsehstudio für Ansprachen, Großküche und Zeitungskiosk.

Kleine Elektroflitzer oder Zweiräder, für die sogar eigene Fahrradabstellhallen gebaut wurden, sorgten für die Mobilität der Bunkerbewohner. Übernachtet wurde in Etagenbetten. Bis auf den Bundespräsidenten und den Kanzler, die jeweils ein eigenes, gerade einmal zehn Quadratmeter großes Zimmer hatten. Doch jeder der 3000 Führungskräfte des postapokalyptischen Deutschlands erhielt seinen eigenen Schrank. Für Stromausfälle bunkerte die Regierung 10.000 Kerzen.

Pneumatisch höhenverstellbare Frisierstühle

Bei klaustrophobischen Anfällen halfen Psychologen, Seelsorger und reichlich Valium-Tabletten. Auch Alkohol stand bereit. Die spießige Kleinbürgermentalität, die sich durch die Poren des Betons zog, schaffte mentale Beklemmung: An etlichen Bunkerwänden prangten naive Aufrufe zur Sauberkeit: "Halte selbst hier alles rein, und jeder kann zufrieden sein." Während draußen die Atombomben alles vernichteten, herrschte drinnen das Lebensgefühl und die muffige Ästhetik der frühen Sechziger: Orangefarbene Lampenschirme, die selber wie kleine Pilzwolken aussahen und pneumatisch höhenverstellbare Frisierstühle.

Der "Ausweichsitz für die Verfassungsorgane des Bundes", wie die subterrane Stadt, der größte bekannte Bunker, weltweit im Beamtendeutsch heißt, verfügte sogar über einen eigenen Plenarsaal - und eine "Nukleare Lagehalle". In der sollten die militärischen Gegenschläge geplant werden. Großformatige Landkarten hingen an den Wänden. Farbige Magnetsticker mit Aufschriften wie "Strategische Reserve" oder "Verstärkungslandung" verdeutlichten Truppenbewegungen. Die Wirklichkeit übertraf das Klischee.

Doch das bombensichere Bauwerk hätte im Falle eines Atomschlags nicht den erhofften Schutz geboten. Gerade einmal einer 20 Kilotonnen-Bombe, vergleichbar mit der Sprengkraft einer "Hiroshima-Bombe", hätte die Bunkeranlage standgehalten. Schon geheime Gutachten aus dem Jahre 1962 rechneten mit 250-fach stärkeren Waffen, fand Diester heraus. Die Explosion einer solchen Fünf-Megatonnenbombe hätte den Weinberg samt Bunker zu Staub zerblasen. Die Erschütterung hätte alle Beteiligten als nuklearen Fallout über den Rhein verstreut, rechnete Professor Hubert Schardin, als Experte für die Regierung bereits 1962.

Wahnsystem des Wettrüstens

Aus diesem Grund forderte die NATO von ihren Bündnispartnern, die nationalen Schaltzentralen mindestens 200 Meter tief im Boden anzulegen. Gerade einmal eine 110 Meter dicke Gesteinsschicht aus brüchigem Tonschiefer schützte den Bunker im Ahrtal, der sich entlang zweier knapp vier Kilometer langer, aber nie genutzter Eisenbahntunnel aus der Kaiserzeit erstreckte.

"Trotzdem hat man weitergebaut", sagt Diester. "Keiner hat gewagt, das Projekt zu stoppen, da bereits Hunderte Millionen verbaut waren." In klassischer Beamtenmanier stellte das zuständige Bundesinnenministerium einfach auf stur und entschied den Traum von der Sicherheit im Krieg, jenseits der Realität, weiter in den Berg zu treiben. "Es erscheint unwahrscheinlich, dass der Gegner willens ist, die Anlage mit größeren Kalibern zu treffen", hieß es in geheimen Regierungsprotokollen. Man müsse sich halt "mit geringerem Schutz begnügen".

Doch auch bei kleineren Kalibern war der Schutz eher unwahrscheinlich. Denn erst 1965 fiel der Bundesregierung auf, dass bei einer Atomexplosion ein elektromagnetischer Impuls erzeugt wird, der mindestens das Hundertfache eines Blitzes beträgt - das sogenannte "EMP". Die Folge: Durch die Überspannung wären sämtliche elektrischen Geräte lahmgelegt worden. "Von einem Ausfall nach einem Angriff wären auch Fernmeldetechnik, Belüftung, Pumpen und Schließtore betroffen gewesen. Die Anlage wäre kollabiert", ist Diester überzeugt.

Teuerste Fehlinvestition der Geschichte

Die Anlage war das teuerste Einzelprojekt in der Geschichte der Bundesrepublik. Ein Monster des Kalten Krieges, das sich wie ein unsichtbarer Leviathan durch den Bundeshaushalt fraß. Der Kabinettsbeschluss zum geheimen Bunkerbau fehlt heute noch in den offiziellen Unterlagen. Im ersten Kostenplan 1958 wurden gerade einmal sieben Millionen Mark für das wohl wahnwitzigste Projekt der BRD veranschlagt. Letztlich flossen 4,78 Milliarden Mark (rund 2,44 Milliarden Euro) in den unnützen Traum einer strahlenfreien Oase.

"Allein der jährliche Unterhalt der Anlage kostete 22 Millionen Mark", errechnet Diester. Allein 200 Mitarbeiter putzten, reparierten und hielten die Zuflucht in drei Tagesschichten für den Notfall bereit.

Nur reden durfte niemand über das Versteck. Alle waren zur absoluten Verschwiegenheit verpflichtet, sogar gegenüber ihren Familien. Der Tarnname lautete "Dienststelle Marienthal", eine fiktive Anlage des Technischen Hilfswerks. "Rosengarten" heißt das Codewort in Geheimdienstkreisen. Landkarten der Region wurden verändert, ein Bunkereingang gar als Kinderspielplatz getarnt.

Das Geheimnis, von dem jeder wusste

Doch trotz aller Geheimhaltungsversuche wusste der Ostblock früh vom Bunker. Auch dies gehörte letztlich zu den Absurditäten, die ihn umgaben. Schon 1961 schrieb das Hamburger Abendblatt über einen "riesigen atombombensicheren Stollen an der Ahr". 1962 berichtete sogar die Illustrierte "Quick", nicht gerade als Schlachtschiff des investigativen Journalismus bekannt, vom Geheimversteck unter den Weinbergen. Die Ausgabe wurde verboten und eilig von der Polizei an den Kiosken eingesammelt - die Zeitschrift wegen Geheimnisverrat angeklagt - nur Monate vor der Spiegel-Affäre, die die Bundesrepublik erschüttern sollte.

Doch diesen Hinweis hatten die Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit gar nicht mehr nötig. Bereits seit Beginn der Bauarbeiten trafen sie sich mit den Arbeitern, die die Anlage errichteten, zum Bier. Einige wurden gar als Mitarbeiter angeworben. "Spätestens ab 1966 war die DDR genau über den Bunker informiert", fand Diester heraus. "Es gab Hunderte von Seiten Stasi-Berichte und eine Kurzversion für Honecker." Der als Handwerker getarnte Ost-Spion Lorenz Betzing verriet selbst intimste technische Details.

Inzwischen gibt es sie nicht mehr, die Kathedrale des Kalten Krieges in den Weinbergen bei Bad Neuenahr-Ahrweiler. Die Bauten an den Eingängen sind abgerissen, die Stollen und Tunnel ausgeräumt und verschlossen. Durch das Ende des Ost-West-Konflikts verlor der Regierungsbunker Anfang der neunziger Jahre seine Aufgabe. Anstatt in Bonn tagte man jetzt in Berlin. Als weitere Millionen für neue Möbel und Kommunikationstechnologie erforderlich wurden, zog die Regierung die Reißleine. Die letzten 140 Beschäftigten verließen 1997 ihren im Fels verborgenen Arbeitsplatz.

Kulturdenkmal des Kalten Krieges

Das Röhrenlabyrinth sollte jetzt Disco oder Champignonfarm, Münzdepot oder Labor werden - doch die Pläne platzten. Kein Vorschlag fand Gnade vor dem Kriterienkatalog der Regierung. Auch Pläne eines "Bunker-Wunderlandes" scheiterten. Die Verschrottung des Milliardenprojekts, im Beamtendeutsch Rückbau genannt, erfolgte 2001. Während in New York die Zwillingstürme fielen, dachte der Bund kurz nach - und überließ dann seinen 2,44 Milliarden teueren Keller doch wieder den Baumaschinen, die sich über fünf Jahre durch das ausrangierte Staatsgeheimnis wühlten.

Das gewaltigste Kulturdenkmal Deutschland sei aus Gründen des Umweltschutzes nicht zu erhalten, hieß es. Deshalb wurde es mit preußischer Gründlichkeit für 16 Millionen Euro demontiert. Man könnte vermuten, dass es der Polit-Elite unangenehm war, wenn ihre Bürger wüssten, wie aufwendig sie sich mit ihren Beamten im Ernstfall verkrochen hätten. Nur zum Vergleich: Für den Durchschnittsbürger hätte ein Atomkrieg den sicheren Tod bedeutet. Gerade einmal für ein Prozent der Bundesbürger gab es überhaupt Schutzräume - wie unsicher die auch immer waren.

Seit dem 1. März können von den 17.336 Metern Atombunker zumindest 200 Meter Stollen besichtigt werden. Welch ein Zufall: Auch diese Ausmaße entsprechen rund einem Prozent der Gesamtanlage, die den Besuchern zeigen soll, wie bedrohlich ein nukleares Inferno in den sechziger und siebziger Jahren gewesen wäre. Zumindest zwei der je 25 Tonnen schweren Stahltüren und einige Bunker-Accessoires stehen noch und geben zumindest einen schwachen Eindruck vom Kalten Krieg.

Dispatcherraum
Hauptschleusenbereich
Gangsystem · man beachte die Ähnlichkeit mit den Gängen des TO 02 im FBZ
    Abbildungen Copyright ausweichsitz.de

Auszugsweise von Christopher J. Peter

Link zum Stichwort FÜHRUNGSBUNKER WEST im »Internet«

2. Revision April 2009
1. Revision Juni 2008